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Maria - Urbild der Frau

Maria - Urbild der Frau

Einführung in das Thema:

Manchem mag das Thema dieser Abhandlung weit hergeholt erscheinen. Was hat Maria, wenn sie auch die Mutter Jesu Christi ist, mit uns heutigen Frauen zu tun? Wir sind unabhängig, selbstbewußt, wollen uns von der „Frauenrolle“ befreien, - jedenfalls, wenn man der veröffentlichten Meinung und dem Trend glaubt - fühlen uns als Konkurrenten der Männer, ja ihnen überlegen in vielerlei Hinsicht. Und dies alles nicht nur gesellschaftlich, auch theologisch haben sich die Frauen entdeckt, streben danach, ihre weibliche Erfahrung zur Grundlage der Theologie und ihres Gottesbildes zu machen, es zu verweiblichen, um endlich nur sie selbst zu sein, sich zu „verwirklichen“, ja sogar zu vergöttlichen. Dies ist greifbar und faßbar in der feministischen Theologie und den vielfältigen esoterischen Angeboten in unserer Gesellschaft. Wie paßt hierzu Maria, die sich selbst die Dienerin, die Magd Gottes, nennt, für viele - vielleicht inzwischen auch schon die Mehrheit in der Kirche - ein Bild des unselbständigen, abhängigen, Menschen, der zur Reflexion der eigenen Fähigkeiten und zu kreativer Tätigkeit unfähig ist, denn Dienst steht bei uns nicht hoch im Kurs.

 

Nimmt man nun noch hinzu, was viele und gerade meist die, die selbst keine Beziehung zur Mutter unseres Herrn haben, unter „Marienfrömmigkeit“ verstehen, nämlich ein einseitiges Schwelgen in Gefühlen, in bigotten Frömmigkeitsformen, deren Existenz mit dem Hinweis auf den Devotionalienrummel an so manchen Marienwallfahrtsorten begründet wird, dann scheint es vollends unmöglich, ausgerechnet Maria zum Urbild, zum Vorbild und Leitstern des Frauseins zu erklären.

Aber verhält es sich tatsächlich so? Ist Maria wirklich dieses Zerrbild? Oder - wer ist sie wirklich?

Um hierauf eine tragfähige Antwort geben zu können, ist es notwendig, zunächst nach dem Menschen zu fragen und nach dem, was er vor Gott ist bzw. seiner Absicht gemäß sein soll.

Eva - oder die Ursünde des Menschen

Die Würde und die Aufgabe jedes Menschen wurzelt zunächst darin, daß er als „Abbild Gottes“ geschaffen ist, daß er Person ist, damit frei in seinen Entscheidungen und so,„Gott ähnlich“ , geschaffen von Gott als Mann und Frau.1 Damit sind beide Geschlechter nach Gottes Willen Personen, gleichwertig, vernunftbegabt und verantwortlich, gemeinsam haben beide den Auftrag, die Erde zu gestalten. Über diese Aufgabe in der geschaffenen Welt hinaus, ist die Erschaffung aber auch der „Anfang der Berufung beider, am inneren Leben Gottes selbst teilzuhaben ... Im Lichte der Offenbarung bedeutet Schöpfung zugleich Anfang der Heilsgeschichte. Gerade in diesen Anfang drängt sich die Sünde ein und tritt dort als Gegensatz und Verneinung auf.“2 Auf den Anteil Evas an der Ursünde hier einzugehen, erübrigt sich. Nur soviel sei festgehalten, daß vor dieser Sünde die Beziehung von Mann und Frau zueinander völlig harmonisch war, so sagt es die Offenbarung. Sünde ist aber„in ihrer eigentlichen Bedeutung ... die Verneinung dessen, was Gott - als Schöpfer - ...von Anfang an und für alle Zeiten für den Menschen will. ...Durch die Erschaffung von Mann und Frau nach seinem eigenen Bild und Gleichnis will Gott für sie die Fülle des Guten, d.h. die übernatürliche Glückseligkeit, die aus der Teilhabe an seinem Leben erwächst. Dadurch, daß der Mensch sündigt, weist er dieses Geschenk zurück und will zugleich werden ‘wie Gott...’will unabhängig von Gott, seinem Schöpfer, über Gut und Böse entscheiden. ... Die Sünde bewirkt das Zerbrechen der ursprünglichen Einheit, deren sich der Mensch im anfänglichen Stand der Gerechtigkeit erfreute: die Verbundenheit mit Gott als Quelle der Einheit im eigenen Innern, in der gegenseitigen Beziehung zwischen Mann und Frau (der personalen Gemeinschaft) und schließlich im Verhältnis zur Außenwelt, zu den Dingen der Natur.3 Paradoxerweise ist gerade die Ebenbildlichkeit des Menschen, die Grundlage seiner Freiheit ist, auch Voraussetzung seiner Sünde und damit seiner „Nicht-Ähnlichkeit“ mit Gott, weil Gott die Fülle des Guten ist und alles Böse ihm völlig unähnlich. So wird verständlich, ,,daß hierbei Gott als Schöpfer und Vater getroffen und ‘beleidigt’ wird ... im innersten Grunde jener schenkenden Hingabe, die zum ewigen Plan Gottes für den Menschen gehört.“4 Gleichzeitig schlägt die Sünde aber auch auf den Menschen selbst zurück, erkennbar an der „Mühsal“, mit der er seinen Lebensunterhalt beschaffen muß, an den Schmerzen, die das Gebären begleiten und letztlich im Tod. Das „Abbild und Gleichnis Gottes im Menschen“ ist zwar nicht zerstört, aber „getrübt“, „gemindert“, auch wenn seine Berufung, letztlich zu Gott zu gelangen, erhalten bleibt.

Folgen für die Frau

„Nach dem Manne wird dich verlangen, er aber wird über dich herrschen“(Gen 3,16) umreißt die Folgen der Sünde für die Frau. An die Stelle der ursprünglichen grundlegenden Gleichheit, der Personengemeinschaft in der Ehe, der „Einheit von zweien, die sich der Würde der Person entsprechend in ihrer Hingabe „selbst finden“, tritt das männliche Besitzdenken, die Frau wird zum Objekt männlicher Herrschaft. Dieses Verweigern der Annahme der Frau als unverwechselbare und unwiederholbare Person schädigt aber durch die Mißachtung der Abbildhaftigkeit ihres Menschseins nicht nur die Frau, sondern mindert gleichzeitig auch die wahre Würde des Mannes als personales Abbild Gottes. Damit einher geht die Begierde als „Neigung zur Verletzung jener sittlichen Ordnung, die der Vernunftnatur und moralischen Würde des Menschen als Person entspricht.“5 Über die Ehe hinaus berührt dieses Faktum aber auch alle Bereiche des sozialen Zusammenlebens, in denen die Frau benachteiligt und diskriminiert wird, weil sie Frau ist. Folgt man der biblischen Botschaft, so ist festzuhalten, daß alles, was die Achtung vor der Würde der Frau als Person verletzt, nicht nach Gottes Willen ist, also in den Bereich der Sünde gehört und damit unter den Aufruf zu Bekehrung und Umkehr.6 Die Lösung besteht nicht darin, daß die Frau ihre Eigenart verleugnet, „zum Mann wird“, weil sie auch auf diese Weise dem Schöpfungsauftrag, der in ihrer spezifischen Art der Ebenbildlichkeit Gottes liegt, nicht entspricht.

Von Eva zu Maria

„Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse.“(Gen 3,15) Interessant an dieser Verheißung, die sich ja eindeutig auf den Erlöser bezieht, ist, daß nicht er zunächst hier genannt ist, sondern die, die seine Mutter sein wird. Es wird also Feindschaft sein zwischen dem „Vater der Lüge“ und „der Frau“. Wir wissen, daß in diesen Worten Maria angekündigt ist, und i.a. wird ein Gegensatz gesehen zwischen ihr und Eva, so schon bei den Vätern. Aber es gibt auch einen anderen Aspekt. „Eva ist als ‘Mutter aller Lebendigen’ Zeugin des biblischen Anfangs, in dem die Wahrheit über die Erschaffung des Menschen nach dem Bild und Gleichnis Gottes und die Wahrheit über die Erbsünde enthalten ist. Maria ist Zeugin des neuen ‘Anfangs’ und der ‘neuen Schöpfung’ (vgl. 2Kor 5,17). Ja, sie selbst ist als die Ersterlöste in der Heilsgeschichte ‘eine neue Kreatur’: Sie ist die ‘Gnadenvolle’. Man kann kaum verstehen, warum die Worte des Protoevangeliums die ‘Frau’ so nachdrücklich hervorheben, wenn man nicht zugibt, daß in ihr der neue und endgültige Bund Gottes mit der Menschheit, der Bund im erlösenden Blut Christi, seinen Anfang hat. Er beginnt mit einer Frau, bei der Verkündigung in Nazaret. Das ist das absolut Neue des Evangeliums: ... im Alten Testament (hatte sich Gott) um seinen Bund mit der Menschheit zu schließen ... nur an Männer gewandt. ...Am Anfang des Neuen Bundes, der ewig und unwiderruflich sein soll, steht die Frau: die Jungfrau aus Nazaret. Es handelt sich um ein deutliches Zeichen dafür, daß es in Jesus Christus ‘nicht mehr Mann und Frau gibt’ (Gal 3,28). In ihm wird der wechselseitige Gegensatz zwischen Mann und Frau - als Erbe der Ursünde - im wesentlichen überwunden. ‘Denn ihr alle seid einer in Christus Jesus’, wird der Apostel schreiben. (Gal 3,28). Diese Worte handeln von der ursprünglichen ‘Einheit der zwei’, die zusammenhängt mit der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau nach dem Bild und Gleichnis Gottes, nach dem Vorbild jener vollkommenen Personengemeinschaft, die Gott selber ist. ... Die Erlösung stellt nun gewissermaßen das Gute des Anfangs selbst wieder her, das durch die Sünde und ihr Erbe in der Geschichte des Menschen wesentlich ‘gemindert’ worden ist. Die ‘Frau’ des Protoevangeliums ist einbezogen in die Perspektive der Erlösung. Die Gegenüberstellung Eva-Maria läßt sich auch in diesem Sinne verstehen, daß Maria das Geheimnis der ‘Frau’, dessen Anfang Eva, die ‘Mutter aller Lebendigen’ (Gen 3,20), ist, in sich aufnimmtund umfängt. Sie nimmt es vor allem auf und umfängt es im Geheimnis Christi - ‘des neuen und zweiten Adam’ (vgl. 1Kor 15,45) -, der in seiner Person die Natur des ersten Adam aufgenommen hat.“7 Auf diese Weise wollte er dem Menschen zeigen und ihm neu entdecken, „was der Mensch ist“(vgl. Ps 8,5). Maria aber bedeutet das „Zurückgehen zu jenem Anfang, an dem wir die ‘Frau’ so vorfinden, wie sie im Schöpfungswerk, also im ewigen Plan Gottes, im Schoß der heiligsten Dreifaltigkeit, gwollt war. Maria ist ‘der neue Anfang’ der Würde und Berufung der Frau, aller Frauen und jeder einzelnen.“8

Betrachtet man nun, wie Jesus mit den Frauen umging, so fällt auf, daß er - völlig gegen die Gewohnheiten seiner Zeit - sie vor allem als Personen in ihrer unverwechselbaren Würde akzeptierte, daß er nicht zögerte, sie zu Boten seines Evangeliums zu machen, so die Samariterin, die Zeuginnen seiner Auferstehung gegenüber den Aposteln, daß er sie gegen männlichen Mißbrauch in Schutz nahm und die Verantwortung des Mannes gegenüber der Frau klar forderteund wiederherstellte, so gegenüber der „ertappten Ehebrecherin“ und nicht zuletzt in der Restaurierung der persongebundenen Ehe, weil es „am Anfang so war“. Frauen waren ihm die treuesten Freunde, folgten ihm ohne Rücksicht auf sich selbst bis unter das Kreuz, wo wir von den Aposteln letztlich nur den einen finden, den, den Jesus besonders liebte.9 Aber nicht nur das. Jesus spricht mit ihnen über die „Geheimnisse des Reiches Gottes“, sie sind seine Gesprächspartner und Verkündiger des Glaubens. Damit bestätigt unser Herr in vollem Umfang das, was Gott „am Anfang grundgelegt hat und was durch die Erlösung in der „Frau“, in Maria zunächst als Urbild der erneuerten Frau wiederhergestellt und unbegreiflich überhöht wurde.

Maria: Urbild und Vorbild

Nun könnte der Einwand kommen: Maria ist die Mutter Gottes, einzigartig, erwählt von Ewigkeit, ausgestattet mit der höchsten Gnadenfülle und Heiligkeit, die einem bloßen Geschöpf nur möglich ist, und damit ihres Sohnes würdig. Wie kann ein solches Ausnahmewesen Urbild und Vorbild sein? Aber wie auch sonst im Leben zeigt uns hier das Ideal die Richtung, den Weg, auch wenn es letztlich unerreichbar bleibt.

Drei Bereiche sollen uns hier vor allem interessieren: Marias Beziehung zu Gott, ihr Leben als Glaubende, ihre Beziehung zu Christus und zur Kirche.

1. Marias Beziehung zu Gott

„Wie das Konzil sagt, ist Maria ‘die Mutter des Sohnes Gottes und daher die bevorzugt geliebte Tochter des Vaters und das Heiligtum des Heiligen Geistes. ... vom Erbe der Ursünde bewahrt ... gehört sie vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis ... zu Christus; sie hat Anteil an der heilenden und heiligmachenden Gnade und an jener Liebe, die vom ... Sohn des ewigen Vaters ausgeht, der durch die Menschwerdung ihr eigener Sohn geworden ist.“ Dadurch steht sie im Zentrum jener „Feindschaft“ mit der Schlange, die der „Sohn“ in hartem Kampf besiegt, einem Kampf, der die gesamte Geschichte der Menschheit durchziehen wird. Sie selbst bleibt dabei das ideale Bild und Zeichen sicherer Hoffnung für jene Gnade, und jene Erwählung, die Gott allen Menschen zugedacht hat, als er sie dazu bestimmte, „seine Söhne zu werden.“ (Eph 1,4.5) 10

Besonders aufschlußreich ist die Beziehung Mariens zum Hl. Geist. Diese dritte Person in Gott, der „Geist“ des Gottesgeistes , ist uns wenig faßbar. Wir wissen aus der Offenbarung, „Gottes Wesen ist ... Vater und Sohn, Zeugender und Gezeugter, verschenkende Liebe und verschenkte Liebe. Der Glaube lehrt, daß der heilige Geist aus der Einheit von Vater und Sohn als dritte Gottperson entsteigt. Es ist eine einzige Liebe im Zeugen und Gezeugtwerden, und dieses Einssein von Vater und Sohn in der Liebe ‘realisiert’ sich in Gestalt eines dritten, in Gestalt des Geistes.“ wie das Kind, das aus der Liebe der Eltern wird und doch eigenständige Person ist. Der Geist ist die Vollendung der Liebe in Gott, er ist „die dynamische Kraft der Liebe, der Sturmwind, der immer noch mehr Liebe zwischen Vater und Sohn will. Und genau das ist der Grund, warum ... der Geist die immanente Liebe zwischen Vater und Sohn gleichsam zum Überfließen bringt und sie dann selbst nach außen trägt. Wenn Gott aber nach außen wirkt, dann nennen wir das ‘schöpfen’. Der Geist ist von seinem Personcharakter her der ‘Creator Spiritus’, der Schöpfergeist. ... Das Wesen des Geistes ist es, die innergöttliche Liebe außerhalb Gottes zu konkretisieren.11 „Maria, jener konkrete Mensch, jene Frau aus Nazaret, hat in der Heilsordnung die Aufgabe, dieses Konkretisierungswirkens des Hl. Geistes sichtbar zu machen. Was an Maria geschieht, ist ..., daß der Geist das Innergöttliche ins Menschliche eingesenkt hat, daß er an und durch Maria die Menschwerdung des ewigen Logos aus dem Willen des Vaters wirkt. (...) Gott ist fortan keine bloße Idee ... Die Konkretheit Mariens garantiert, daß Gottes Liebesfülle wirklich inkarniert ist ... der Geist (wird) außerhalb Gottes fruchtbar und die Fülle des Göttlichen (wird) durch Maria in der Welt konkretisiert ...“12 Diese Konkretion bezieht sich nicht nur auf die historische Mutterschaft Mariens. Sie ist dadurch auch die Mutter des Hauptes und des „Leibes“ der Kirche Christi, und ihre Anwesenheit bei der Herabkunft des Hl. Geistes zu Pfingsten bekommt dadurch eine völlig andere Dimension: die Kirche ist damit die Konkretion der Liebe Gottes im Hl. Geist durch die Geschichte der Menschheit, eine andere Form der „Menschwerdung“. Gleichzeitig ist Maria Bild eben dieser Kirche, die als Gesamtheit aller an Christus Glaubenden den Geist Gottes in sich aufnimmt, damit alle ihre Glieder „zur Vollgestalt des Sohnes Gottes gelangen können, damit Gott sie als seine Söhne annimmt.“

Und dies führt zum letzten Bereich: Maria erlebte alles, was Gott mit ihr tat, im Glauben. „Selig bist du, weil du geglaubt hast...“, sagt Elisabeth. Und auch die Ankündigung des Engels über die Königsherrschaft ewiger Dauer, die Gott dem Messias geben werde, widersprach dem gesamten Lebenslauf Jesu einschließlich seines bitteren Endes. So steht am Beginn des Neuen Bundes der unerschütterliche Glaube Marias an Gottes Verheißung, so wie am Beginn des Alten Bundes der Glaube Abrahams. gegen alle Wahrscheinlichkeiten.

Was bedeutet das alles nun für uns Frauen?

Zunächst, wir sind Person, jede von uns, unverwechselbar, von Gott so gewollt, mit speziellen Fähigkeiten und einer besonderen Aufgabe versehen. Wir sollten dieser Würde gemäß leben, die allein durch die Sünde zerstört wird, nicht aber dadurch, daß wir uns und unsere Fähigkeiten im Dienst anderer einsetzen. Wir sollten bedenken, daß jede Frau, die diese ihre Personwürde wahrt, sich nicht zum „Objekt“ macht oder machen läßt, dadurch auch die Personwürde ihrer Mitmenschen wahrt und schützt.

Diese abbildliche Ähnlichkeit will Gott in der Seligkeit vollenden, zu der er einen jeden von uns beruft. Jeder Mensch soll nach Gottes Willen dieses Ziel erreichen, indem er sich in Freiheit nach dem Guten richtet, das ihm aus Gottes Offenbarung und aus der Stimme seines Gewissens zukommt. Sein durch den Sündenfall für die Begierde anfälliges Sinnes- und Geistesleben ist dabei vergleichbar mit dem Material, das er mit Hilfe der Gnade aus Gebet und Sakramenten zum inneren Wachstum nutzen soll, um so in allem Guten zu wachsen, die Sünde und damit die Trennung von Gott zu meiden und auf diese Weise zur vollkommenen Liebe zu Gott zu gelangen, die untrennbar mit der wahren Liebe zum Mitmenschen verknüpft ist.13 Das einzig wirkliche Ziel jedes Menschen ist die vollkommene Liebe zu Gott resp. die zu seinen Mitmenschen. Sie ist das eigentlich entscheidende Kriterium alles Tuns, das eigentliche Maß, an dem von Gott alles gemessen wird und das „nie aufhört“, wie Paulus sagt, während „alles andere vergeht“.14 Liebe aber ist Hingabe, die Haltung Marias, also die Haltung der „Frau“, sie ist Teilhabe am Geist Gottes, der Liebe ist. Sie ist dem Wesen jeder Frau daher besonders nahe, gilt aber im Prinzip als Berufung für jeden.

Hierzu tritt nun die besondere Berufung und Würde des Menschen und also auch der Frau als Glied der Kirche Christi. Jeder Getaufte ist Glied dieses seines Leibes. Er hat durch die Taufe Anteil am Priestertum Christi und an seiner Königsherrschaft im „allgemeinen Priestertum aller Gläubigen“15 Dadurch soll er teilnehmen am Erlösungswerk Christi im Dienst an seinen Mitmenschen in Geist und Auftrag Christi mit dem Ziel, „daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“16Die Aufgaben der Frau in diesem Bereich unterscheiden sich nicht grundsätzlich von denen der Männer hinsichtlich der grundsätzlichen Ausrichtung aller auf diese Aufgabe, Unterschiede ergeben sich hier nur durch die unterschiedlichen Talente, Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten, die jeder hat aufgrund seiner menschlichen Begrenztheiten und der ihn umgebenden Gesellschaft und Kultur.und seiner besonderen Aufgaben in der Kirche.

Soweit betrifft das bisher Gesagte jeden getauften Menschen. Wie aber steht es nun mit der Bedeutung der Frau als Frau in der Kirche, und was ist dort ihre besondere Aufgabe?

Vor diesem gedanklichen Hintergrund wird nicht nur die Aufgabenteilung in der natürlichen Seinsordnung einsichtig, sondern auch jene der Heilsordnung und ihrer Symbolik, die es zu verstehen gilt, um die Bedeutung und Aufgabe der Frau in der Kirche richtig einordnen zu können.

  • Beziehung Gottesbild - Geschlechtersymbolik

Das Gottesbild in Judentum und Christentum hat seinen Schwerpunkt in der Transzendenz Gottes, d.h. Gott steht seiner Schöpfung gegenüber, ist von ihr getrennt und nicht mit ihr identisch. Wenn er sie auch dauerhaft von innen her erhält, so ist er doch primär ihr Gestalter von außen. Dieses Bild Gottes als des Transzendenten entspricht in seinem Kern dem Wesen und der spezifischen Aufgabe des Mannes, der so symbolhaft Gottes Verhältnis zur Schöpfung ausdrückt. Es ist von daher logisch, daß Gott in Jesus als Mann Mensch wurde.

Schaut man sich dagegen die Religionen an, die ein pantheistisches Gottesbild haben, also Gott als Teil der Welt und ihr immanent ansehen, so stellt man fest, daß dort „die Göttin“ in den unterschiedlichsten Ausprägungen anstelle Gottes verehrt wird. Dies trifft auf die Mehrheit der heidnischen Religionen in Vergangenheit und Gegenwart zu, deren Affinität zu oder Identität mit Fruchtbarkeitskulten offenkundig ist; Ausnahme ist der Islam aufgrund seiner Entstehungsgeschichte. Es handelt sich also bei den Gottesbildern dieser Religionen um die Hypostasierung der Frau und ihres weiblichen Anteils an der Schöpfung, den sie sowohl symbolhaft als auch real verkörpert und dem in diesen Religionen kultische Verehrung zuteil wird. Logischerweise liegt in diesen Kulten der Schwerpunkt priesterlicher Tätigkeit bei Frauen, den Mittelpunkt des Kultes bildet die Sexualität, die „Heilige Hochzeit“, als symbolischer Ausdruck der Fruchtbarkeit der Natur, der Schöpfung.

  • Beziehung Priesteramt - Gottesbild

Ich möchte in diesem Zusammenhang zurückverweisen auf den Feminismus und seinen Trend zur „Göttin“, einschließlich aller neuheidnischen Tendenzen. Dem immanentistisch-pantheistischen Gottesbild entspricht also symbolhaft das Priesteramt der Frau, dem transzendenten Gottesbild der Mann als Priester. So wie es also in der Symbolik der Geschlechterbeziehung liegt, daß Gott als Mann Mensch wurde, so liegt es in der gleichen Symbolik begründet, daß auch nur Männer „in persona Christi“ das gleiche besondere Priesteramt wahrnehmen können, das dem seinen entspricht. Welche Gefahren sich für das Gottesbild und für den gesamten Glauben aus einem „Priestertum der Frau“ ergäben, ist bereits mehr als deutlich ablesbar an der gesamten Entwicklung der feministischen Theologie und ihrer Vertreterinnen innerhalb und außerhalb der Kirche.

So dient es dem Erhalt der Kirche, wenn der Papst in seinem Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ vom 22.5.1994 festlegt: „Obwohl die Lehre über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe sowohl von der beständigen und umfassenden Überlieferung der Kirche bewahrt als auch vom Lehramt in den Dokumenten der jüngeren Vergangenheit mit Beständigkeit gelehrt worden ist, hält man sie in unserer Zeit dennoch verschiedenenorts für diskutierbar oder man schreibt der Entscheidung der Kirche, Frauen nicht zu dieser Weihe zuzulassen, lediglich eine disziplinäre Bedeutung zu. Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken ..., daß die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“17 Diese Überlegungen haben übrigens für den gesamten Ordo Gültigkeit, einschließlich des Weihediakonats der Frau, den die interessierten Kreise sich inzwischen zum angeblich kirchenrechtlich möglichen Einfallstor gewählt haben und den sie mit heftigem Druck auf Bischöfe und Papst verlangen.

  • Maria als Vorbild und Urbild der Frau in der Kirche

Wenn also, wie dargelegt, die Teilhabe am hierarchischen Amt nicht Aufgabe der Frau in der Kirche ist, welche Aufgabe hat sie dann?

Um diese Frage zu klären, sind wir in der glücklichen Lage, in Maria, der Mutter Jesu, die vorbildhafte Frau vor uns zu haben, deren Leben und Verhalten uns Aufschluß geben kann, wie Gott sich die Aufgabe und Bedeutung der Frauen in seiner Kirche gedacht hat. Gerade Marias Einzigartigkeit zeigt im Ideal und in Vollkommenheit, welchem Ziel die Frau in der Kirche verpflichtet ist. Marias Leben umfaßt alle Möglichkeiten einer Frau, sie ist als Jungfrau Mutter, Ehefrau und Witwe gewesen. Damit ist ihr Leben Frauenleben in allen seinen Dimensionen. Wenn man so will und die Bezeichnung richtig versteht, ist sie dadurch die wirkliche und wahre „Große Mutter“.

Was begründet nun Marias Größe und ihre unverzichtbare Aufgabe? Grundlegend ist, daß die Erlösung und damit die Heilung und Heiligung des Menschengeschlechtes damit beginnt, daß Maria - von Gott darum gebeten - zu ihrem Frausein und d.h. zur Möglichkeit und Tatsächlichkeit ihrer Mutterschaft „Ja“ sagt, obwohl sie, wie man es aus ihrer Reaktion dem Engel gegenüber entnehmen kann, offenbar einen anderen Lebensplan für sich hatte. Dieses „Ja“ akzeptiert einmal den ihr eigenen Anteil an der Schöpfungswirklichkeit, wie er ihr als Frau ohnehin zukommt. Es überhöht ihn aber gleichzeitig in ihrem Fall in einzigartiger Weise, weil sie hier gleichsam als Symbol der gesamten Schöpfung ihr „Ja“ zu Gott sagt, der sich daraufhin mit der menschlichen Natur unwiderruflich verbindet. Nicht selbst „Göttin-sein“ begründet also ihre alles überragende Symbolbedeutung, sondern „Dienerin Gottes“ zu sein durch das freie „Zur-Verfügung-stellen“ ihrer geschöpflichen Möglichkeiten.

Gebündelt zeigt sich in diesem Anfang, was dem Wesen der Frau entspricht und was all ihrer Tätigkeit in der Kirche vorauszugehen hat: das Akzeptieren ihrer Bestimmung, Mutter zu sein, und zwar in der doppelten Dimension der leiblichen und geistigen Mutterschaft, realisiert und symbolisiert in Maria, der Jungfrau-Mutter. Gleichzeitig wird auch die Bedingung dieser Mutterschaft deutlich, nämlich die Bereitschaft, sich leiblich und geistig von Gott in Dienst nehmen zu lassen, sich letztlich ihm allein verpflichtet und verbunden zu fühlen in der Teilnahme an seinem Schöpfungs- und Erlösungswerk als Antwort auf ihn und seine Liebe.

Aber Realität und Symbolik, die sich mit Maria verbinden, sind damit nicht erschöpft. Maria ist nicht nur real die Mutter Jesu Christi, sie ist damit auch die Mutter des „Hauptes“ der Kirche und damit auch seines „Leibes“, nämlich der Kirche mit all ihren Gliedern. Gleichzeitig symbolisiert sie selbst die Kirche, die als „Braut des Herrn“ die „Mutter aller Gläubigen“ ist, d.h. in Maria ist die gesamte mütterliche Fruchtbarkeit der Kirche verkörpert. Diese „mütterliche Fruchtbarkeit“ der Kirche besteht also wie die Mariens darin, Jesus, den Sohn Gottes hervorzubringen, jetzt aber in den Seelen der Gläubigen und diese dem „Bilde des Sohnes“ „gleichförmig“ zu gestalten,18 damit Gott sie „an Kindes Statt“19 annehmen kann.

Und hier liegt auch die besondere Aufgabe der Frau, hier kann und soll sie alle Fähigkeiten, die Gott ihr geschenkt hat, einsetzen: Gott in der Kirche „Kinder zu schenken“, leiblich sowohl wie geistig, dazu bestimmt und von ihr dahin geleitet, dem Sohne Gottes ähnlich zu werden. So wird sie wie Maria „Tür“ zu Gott, Eingang zur Kirche, Abbild und Hinweis auf die besondere Liebe Gottes, die er jedem einzelnen Menschen personal und unverwechselbar entgegenbringt, entsprechend ihrer spezifischen, natürlichen Fähigkeit der Hinwendung zum andern als Person.

Aber dies ist nicht einzige Aufgabe der Frau in der Kirche. Über ihre Mutterschaft hinaus verkörpert sich in Maria eine Grundhaltung, wie sie die Kirche insgesamt und jeder in ihr -Mann und Frau - Gott gegenüber zeigen sollte schon als Antwort des Geschöpfes, aber mehr noch des erlösten Geschöpfes: die persönliche Hingabe an Gott. Das Verhältnis Christi zu seiner Kirche ist nicht nur das des Hauptes zum Leib, sondern auch das des Bräutigams zur Braut, dessen Bild und Abbild die sakramentale Ehe ist. So ist die Haltung der Kirche mit allen ihren Gliedern Gott gegenüber im Grunde „marianisch-fraulich“, und die Frau also von Natur aus logischerweise besser zur Hingabe an Gott befähigt als der Mann. Es ist also keineswegs Zufall, daß gerade in allen Bereichen, die eine besondere Verbundenheit mit Gott voraussetzen wie Gebet und Mystik, Frauen die größeren Begabungen und besondere Fähigkeiten haben, wie Teresa von Avila meint.

Und hier schließt sich nun der Kreis zum Anfang. Wir hatten festgestellt, daß das eigentliche Ziel jedes Menschen die möglichst große Liebe ist zu Gott und seinen Mitmenschen, daß er sich auf dieses Ziel hin von Gott in Dienst nehmen lassen muß wie Maria und daß es hier keine Benachteiligung der Frauen gibt und keinen Unterschied der Geschlechter. An dieser Stelle ist auch das Amt in der Kirche einzuordnen, das, richtig verstanden und ausgeübt, ein spezifischer Auftrag an eine kleine Gruppe von Menschen ist, dem eigentlichen Ziel aller „in persona Christi“ auf eine bestimmte Weise mit der oben beschriebenen Haltung der Hingabe zu dienen als Bewahrer der Lehre Christi und Ausspender der Sakramente.

Zum Abschluß möchte ich auf die große Frau und Kirchenlehrerin Teresa von Avila verweisen für die praktische Lösung der „Frauenfrage“ in der Kirche. Sie bezieht ihre Einschätzung der Frau speziell in der Kirche aus dem Verhalten Jesu den Frauen gegenüber. Er habe sie „mit großer Hingabe bevorzugt“, sagt sie, habe bei ihnen mehr Liebe und Glauben gefunden als bei den Männern. Vom natürlichen Standpunkt aus hält sie Männer und Frauen für gleichwertig, vom übernatürlichen aus die Frauen den Männern für überlegen. Teresa „verwirklicht“ sich selbst mit all ihren Fähigkeiten unter Anerkennung ihrer geschöpflichen Abhängigkeit, ihrer Unvollkommenheit und Schwäche und ihrer Sünde in engster Freundschafts- und Gebetsbeziehung zu Gott, ihm verbunden im Ziel, die Menschen ihm zuzuführen und in der Bereitschaft, mit dem Herrn zu leiden, ihm das Kreuz nachzutragen und in diesem Sinn an sich zu arbeiten. Hierbei stützt sie sich nicht auf sich selbst, sondern auf die Gnade Gottes, aber nicht „passiv“, sondern „rezeptiv“, empfangend, um in der so gewonnenen Freiheit selbständig, aktiv, weltoffen, eben „wie ein Mann“, die Aufgaben anzugehen, die sie als notwendig erkennt für die Reform und Wiederbelebung der Kirche. Ihre Theologie ist Frucht ihres Gebetslebens und korrigiert auf diesem Hintergrund die Theologie ihrer Zeit.

Was bedeutet das nun für unsere Fragestellung?

Zum einen: Liebe zu Gott und Tugend sind nicht geschlechtsspezifisch oder abhängig von Ämtern und Mitbestimmung in der Kirche. Je inniger und intensiver das Verhältnis zu Gott ist, um so mehr wird alles, was gut ist, im Menschen wachsen, ihn „menschlicher“ machen und dem Aufbau der Kirche dienen, bei Frauen wie bei Männern. Frauen mit ihrer von Natur aus größeren Neigung zu liebevoller Hinwendung und größerer Personengebundenheit haben hier ihre besondere Chance und Aufgabe.

Zum zweiten: Leben aus dem katholischen Glauben ist nicht geschlechtsspezifisch. Bestand und Erneuerung sind Frucht der personalen Beziehung zu Gott und nicht Folge von Strukturen und Strukturveränderungen. Hier stehen Männer wie Frauen in der Verantwortung, durch ihr Leben in Gebet und Einheit mit Gott Katholisches in Denken und Handeln in ihren Alltag, aber auch in das innerkirchliche Leben und die Theologie zu „übersetzen“.

Wir alle sollten wie Maria - und in ihrer Nachfolge viele andere so wie Teresa von Avila - Menschen werden, die ihre Beziehung zu Gott in die Lage versetzt, die Fähigkeiten, die Gott gab, in Bereitschaft und großer innerer Freiheit zum Aufbau der Kirche Christi einzusetzen und ihr zu nützen und so zu dem Mann, der Frau zu werden, wie es dem Plan Gottes für jeden einzelnen von uns entspricht.20

1 vgl. Gen 2,26

2 Mulieris dignitatem,Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles Nr. 86, Hrsg. Dt. Bischofskonferenz, S. 23

3 ebda. S. 23f

4 ebda S. 24

5 vgl. und Zitate ebda S. 25ff

6 vgl. ebda S. 26f

7 vgl. und Zitate ebda S. 28f

8 vgl. und Zitate ebda S. 30

9 vgl. dazu ebda Ss. 31-39

10 vgl. und Zitate Redemptoris mater, 14f

11 vgl. und Zitate Karl Josef Wallner, Maria und der Heilige Geist, Vortrag Kevelaer 30.4.98, Manuskript S.4f

12 vgl. und Zitate ebda S. 6

13 vgl. KKK Art. 1700ff

14 vgl. 1 Kor 13

15 vgl. dazu 1 Petr 2,9

16 vgl. 1 Ti 2,4

17 vgl. zu dem gesamten Komplex: Manfred Hauke, Die Problematikum das Frauenpriestertum vor dem Hintergrund der Schöpfungs- und Erlösungsordnung.Bonifatius-Verlag Paderborn 1986, 2.Aufl.

18 vgl. Rö 8,29

19 vgl. Gal 4,5

20 vgl. zu Teresa von Avila: Jutta Burggraf, Teresa von Avila. Humanität und Glaubensleben, Schöningh-Verlag 1996

© Gertrud Dörner, 1997

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