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Modern oder unmodern? Modernismus aus katholischer Sicht

Modern oder unmodern?

Modernismus aus katholischer Sicht

 

Vortrag in Eichstätt am 21.03.2011

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Der Ausdruck „Modernismus“ ist heute nicht mehr so geläufig. Der damit bezeichnete Sachverhalt bezeichnet eine Richtung in der Theologie zunächst des 19. JH. Er gilt deshalb den Heutigen als überholt, nicht mehr aktuell. Schaut man jedoch genau hin, so kann man mit bedeutenden Vertretern von Philosophie und Geisteswissenschaft sagen: „Gegen die ansteckende Seuche des gegenwärtigen Modernismus war der Modernismus zur Zeit Pius X. nur ein Heuschnupfen.“ (Jaques Maritain)

 

Was also ist „Modernismus“? Woher nimmt er seine geistigen Grundlagen, welche Bereiche sind von ihm betroffen? Welche Auswirkungen hat er, wie und wo zeigt er sich?

 

Um diese Fragen beantworten zu können, soll der Papst befragt werden, der in seiner Zeit den Kampf dagegen aufgenommen, ihn aber letztlich nicht gewonnen hat, sondern die „allgemeine Ansteckung“ nur hinauszögern konnte: Pius X.

In seiner Enzyklika „Pascendi Dominici Gregis“ (Die Herde des Herrn zu weiden …) kennzeichnet der Papst die geistige Herkunft und die Grundlinien des modernistischen Lehrgebäudes und beschreibt dessen Auswirkungen innerhalb der Kirche. Dass er auch Anweisungen gibt, wie diese Richtung einzudämmen und zu beseitigen ist, versteht sich von selbst, wird aber nicht Thema meines Vortrags sein. Ich werde in meinen Ausführungen i.w. dieser Enzyklika folgen.

 

Geistige Hintergründe:

Der Modernismus ist nicht zu verstehen ohne die Philosophie der Aufklärung und des daraus folgenden „Humanismus“, besser „Hominismus“. Diese philosophische Richtung setzte die menschliche Alltags-Vernunft auf den Platz Gottes und beschloss in vielen der aus ihr abgeleiteten -ismen wie Sensualismus, Rationalismus, Relativismus und letztlich auch Agnostizismus, dass Gott nicht unabhängig vom Menschen existiert, er also nicht „transzendent“ ist, sondern dass es von der Erkenntnis und den Möglichkeiten des Menschen abhinge, ob es Gott gäbe oder nicht. Gott ist für diese Richtung nichts über der Welt oder außerhalb von ihr, sondern wird – wie Feuerbach es extrem formuliert – lediglich vom menschlichen Denken bzw. Bewußtsein geschaffen.

In Verbindung mit diesen Gedankenansätzen entwickelte sich eine Naturwissenschaft, die nur das als wissenschaftlich gelten ließ und bis heute läßt, was der materiellen Welt und ihren Gesetzen entnommen werden kann, und außerdem der biologische Evolutionismus, der dann jedoch als universales Grundprinzip auf sämtliche anderen Bereiche übertragen wurde, wie z.B. auch auf die Geschichte, die Philosophie, die Moral bzw. Ethik, den Staat oder die Gesellschaft, die Justiz usw. Dies alles verband man mit dem Glauben, jeder Fortschritt sei mit einer zeitgebundenen Entwicklung unlösbar verbunden. Schlagwortartig zusammengefaßt heißt das: Alles Spätere ist besser und höher stehend als das Vorherige. Oder: der Weg geht immer vom Primitiven zum Höheren und Besseren.

Bereits hier kann man erkennen, wie sehr diese Gedankenansätze uns heute zur Gewohnheit und zum Allgemeingut geworden sind.

 

Zur Enzyklika1

Der Papst kennzeichnet in seiner Enzyklika Pascendi zunächst den Aufbau seines Lehrschreibens. Er will die Modernisten darstellen in ihren theologischen Funktionen als Fach-Theologen und als Gläubige, als Exegeten, also Erforscher der heiligen Schriften, als Historiker, als Apologeten, die eigentlich die Lehre der Kirche argumentativ verteidigen sollen, und als Reformatoren, was sich auf ihre Funktion als Veränderer der Kirche bezieht. Zunächst aber kennzeichnet der Papst als Grundlage des gesamten Modernismus dessen Philosophie.

 

Philosophische Grundlagen

Philosophische Grundlage des gesamten Modernismus ist der aus der Aufklärung stammende „Agnostizismus“. Diese philosophische Richtung behauptet, dass Gott für uns Menschen unerkennbar sei. Alles, was wir erkennen könnten, stamme aus unseren Sinnen (Sensualismus) und sei beschränkt auf äußere Phänomene, also die materielle Welt. Aus der materiellen Welt sei die Existenz Gottes daher nicht zu erschließen. Wissenschaft, und hier wird ausschließlich die Naturwissenschaft als solche betrachtet, könne deshalb über Gott nichts aussagen. Gott könne daher auch nicht Gegenstand der/dieser Wissenschaft sein. Entsprechend ist es dann unmöglich, dass es eine Selbstoffenbarung Gottes gibt oder etwas Geschichtliches über ihn ausgesagt wird. Weder für die Wissenschaft noch für die Geschichte wird Gott als Thema zugelassen. Dies zu tun, sei das längst überholte „System des Intellektualismus“. Nur vor diesem Hintergrund ist die Ablehnung der sog. „Gottesbeweise“ durch Kant zu verstehen.

Aus diesem philosophischen Ansatz ergibt sich für die Modernisten, dass es keine „natürliche Theologie“ gibt, da diese die Existenz und viele der Eigenschaften Gottes aus seiner Schöpfung erschließt. Aber auch die gesamte Offenbarung, einschließlich der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus mit allen geschichtlichen Ereignissen seines Lebens, sind unmittelbar davon betroffen und müssten von den Modernisten eigentlich, wenn sie ehrlich wären, geleugnet werden. Aber das tun sie nicht.

Weil zumindest damals die offene Leugnung praktisch aller Glaubensinhalte den Ausschluß aus Ämtern und Kirche bedeutet hätte, führen die Modernisten zum Erhalt eines Anscheins ihres Glaubens zwei neue Begriffe ein: den der „vitalen Immanenz Gottes“ und den der „göttlichen Permanenz“.

 

Vitale Immanenz:

Obwohl Gott ja angeblich unerkennbar ist, gibt es bei allen Menschen aller Kulturen und Zeiten das Phänomen der Religion, das ja eine Ursache haben muß. Diese Ursache sehen die Modernisten in der sog. „vitalen Immanenz Gottes“. Die Religion folgt demnach aus einem Bedürfnis oder Antrieb des Menschen, der aus seinem Gefühl kommt. Dieses „Gefühl“ aber ist etwas völlig Unbestimmtes, es bleibt im „Unterbewußtsein“ und hat dies als eine Wurzel, die wir nicht fassen können. Verursacht ist dieses Gefühl durch die Erkenntnis der menschlichen Grenzen, so dass die Vorstellung eines „Gottes“ zu einem Bedürfnis wird. Die Schlußfolgerung ist entsprechend, dass ein „Glaube“ den Beginn und die Grundlage einer jeden Religion darstellt, der als Grundlage ein tiefes innerliches Gefühl und Bedürfnis nach dem Göttlichen hat. Wodurch hier das Gefühl zur Realität wird und plötzlich beide zur Einheit werden, bleibt offen und unerfindlich.

Im Klartext bedeutet dies: der Mensch erschafft sich Gott mit seinem Gefühl durch sein Unterbewußtsein selbst. Dies nennen die Modernisten dann den „Glauben“ und ziehen daraus weitere schwerwiegende Schlüsse: Sie setzen diesen „Glauben“ mit einer Offenbarung gleich, so dass auf diese Weise jede Religion zugleich natürlich ist als Produkt des Bewußtseins und übernatürlich wird als so verstandene „Offenbarung“, Bewußtsein und Offenbarung werden damit identisch. Hieraus schlußfolgern sie dann, dass das „religiöse Bewußtsein“, damit also das Gefühl als Offenbarung, die alles bestimmende Norm ist, der sich letztlich auch das katholische kirchliche Lehramt unterzuordnen hat.

Bereits hier sind heute allgemein verbreitete Vorstellungen erkennbar: Gott und seine Offenbarung sind nicht objektiv gegeben, jeder muß nur das annehmen, was seinem Bewußtsein, seinem Denken entspringt und zusagt, die Kirche und ihre Lehre haben sich dem allgemeinen „Fühlen“ anzupassen, ein Gottesdienst ist z.B. nur dann gelungen, wenn er sehr emotional ist usw. Aber es wird noch deutlicher.

Um dem philosophisch vorgegebenen Agnostizismus gerecht zu werden, entzieht man geschichtlichen Ereignissen und Personen alles, was über unsere Alltagserfahrungen hinausgeht.

Besondere Ereignisse oder historische Gestalten, die sich als Kristallisationspunkte dieses oben beschriebenen religiösen Gefühls anbieten, verändert man in diesem Sinn und entzieht ihnen alles, was über unsere derzeitigen Erkenntnisse ihrer Zeit und ihres Wohnortes hinausgeht, denn der „Glaube“ habe Personen und Ereignisse glorifiziert und über Menschliches hinaus erhöht. Als typisches Beispiel für die Regeln dieses Verfahrens, das sich als „historisch-kritisch“ bezeichnet, nennt der Papst die Person Jesu Christi: Aufgrund dieser selbstgemachten Regeln behaupten die Modernisten, dass die Wissenschaft und die Geschichte in der Person Christi nichts anderes als einen Menschen erblicken kann. Deshalb lautet die erste Regel, die der Agnostizismus diktiert, alles an Jesus zu streichen, was nach Göttlichem aussieht. Da nach einer zweiten agnostischen Regel der Glaube die Person Christi verklärt hat, muß auch alles, was an ihr über die uns bekannten geschichtlichen Verhältnisse hinausgeht, entfernt werden. Nach der dritten agnostischen Regel hat man nicht nur Zeit und geschichtliche Umstände, sondern auch die Person Christi selbst glorifizierend entstellt. Das bedeutet, dass alles, was an Jesu Reden und Taten, seinem Charakter, seinem Stand, seiner Erziehung und an dem örtlichen und zeitlichen Milieu, wie es die Evangelien schildern und was nach Meinung der Modernisten nicht stimmt, als unecht in Abrede gestellt wird. Dass uns das alles aber so überliefert ist, muß, modernistisch betrachtet, demnach ein Ergebnis mehr oder weniger lange dauernder Entwicklung sein. Von daher ist es den Modernisten unmöglich, die Überlieferung der Evangelien aus der Zeit der Apostel zu akzeptieren, weil damit die Zeit zu solcher ausformenden „Entwicklung“ fehlt. „Spätdatierung“ ist für sie die einzige Möglichkeit.

Diese Grundsätze gelten aber prinzipiell auch für alle anderen Religionen.

 

Aus diesem Gedankenansatz ergibt sich neben der Evolution als Enstehungsprinzip sämtlicher Religionen auch deren Gleichwertigkeit. Eine Selbstoffenbarung Gottes ist von daher unmöglich, von seiner Menschwerdung in Christus gar nicht zu reden. Die Frage nach der objektiven Wahrheit ist völlig ausgeklammert. Sie wird rein psychologisch subjektiv gesehen. Wenn Religion aus dem subjektiven Gefühl kommt, hat schließlich jeder „seine Wahrheit“, für unsere Zeit inzwischen ein Topos. Bereits damals beklagt der Papst: „Tatsächlich bekennen sich dazu in aller Öffentlichkeit auch Katholiken, sogar manche Priester, die mit solchem Wahnsinn die Kirche erneuern wollen. … Man behauptet, unsere heilige Religion sei, im Menschen Christus und in gleicher Weise auch in uns, aus unserer eigenen Natur und ohne fremde Unterstützung geboren. Es ist nicht möglich, noch gründlicher mit der gesamten übernatürlichen Ordnung aufzuräumen.“2

 

Vernunft und Dogma

Da bis hierher nur das Gefühl eine Rolle spielte, fehlt noch, gut aufklärungsgemäß, die alles bestimmende menschliche Vernunft in diesem System. Deshalb geben die Modernisten ihr eine besonders wichtige Rolle. Da das religiöse Gefühl ja vage ist und unklar bleibt, wird es von der „denkenden und analysierenden Vernunft“ sozusagen „ausgearbeitet“, und zwar zu daraus abgeleiteten satzhaften Gedankenkonstruktionen, die in ausgefeilter Form dann angeblich vom kirchlichen Lehramt zum „Dogma“ erhoben werden.

Und hiermit erreichen wir das eigentliche Ziel und Thema des Modernismus: das Dogma. Dessen Entstehung ist, modernistisch gesehen, also Ergebnis des denkerisch durchgestalteten religiösen Gefühls. Für den Gläubigen stellen die Dogmen nicht die verbindlichen Grundaussagen der geoffenbarten Wahrheit dar, sondern sind reine Hilfsmittel für das Gefühl. Sie sind für den darauf fußenden Glauben nur unzulängliche Zeichen für seinen Inhalt und reine Symbole. Es trifft also in keiner Weise zu, dass sie die absolute Wahrheit enthalten, denn die Symbole sind nur die Bilder der Wahrheit und müssen sich deshalb dem religiösen Gefühl des Menschen anpassen. Die Relativierung der heute modernistisch so genannten „satzhaften Wahrheit“ und das Verlangen, sie dem jeweiligen religiösen Gefühlszustand – möglichst der Mehrheit der so genannten Gläubigen – anzupassen, hat hier seine Wurzel, ebenso die Bedeutung der sog. „Dogmengeschichte“. Diese ist für die Modernisten lediglich ein Mittel, den katholischen Dogmen durch die Darstellung ihres historischen Werdeganges ihren Wahrheitsgehalt abzusprechen oder ihn zumindest zu relativieren. Ferner folgt daraus, dass es als notwendig verlangt wird, Dogmen zu entwickeln und zu verändern. Dies wird von den Modernisten nicht nur hartnäckig gefordert, es stellt die logische Folge ihrer Ansichten dar. Der Papst sagt: „Diese blinden Führer haben im Taumel ihrer hochmütigen Arroganz ... sogar die ewig wahren Begriffe von Wahrheit und Religion verändert. Begründet auf ein neues System und in wilder, zügelloser Jagd nach Neuem vergessen sie, die Wahrheit an der Stelle zu suchen, wo sich ihre sichere Stätte befindet. Die heiligen, apostolischen Überlieferungen werden verachtet und dafür andere, eitle, nichtige und ungewisse Lehren eingesetzt … In ihrer Verblendung vertreten sie die Meinung, daß sie selbst die Wahrheit stützen und halten können.“3

 

Bedeutung der „Erfahrung“

Wir alle kennen das dauernde Gerede von der Gotteserfahrung, die angeblich der oder jener gemacht hat oder die wir ja alle unbedingt machen sollen oder sogar müssen, um zu glauben. Hierzu sollen uns die unterschiedlichsten fernöstlichen Meditations- und sonstigen psychologischen Techniken verhelfen. Dieser Gedanke hat hier im Modernismus seine Wurzeln und bietet die Grundlage für den Einbruch fernöstlicher und esoterischer Religionsbräuche in unsere kirchliche Praxis und Bildungsarbeit.

Zieht man nämlich aus dem bisher Dargestellten den logischen Schluß, so wird aus „Gott“ ein Konstrukt unseres Gefühls mit Hilfe unserer vernunftgeleiteten Verstandesarbeit, dem die Realität fehlt; mit anderen Worten: Gott gibt es nicht. Um aber trotzdem nicht zu Recht des Atheismus' verdächtigt zu werden, behauptet der Modernismus im Widerspruch zu seinen gedanklichen Voraussetzungen, dass Gott trotzdem existiere. Fragt man nun, wie das denn logisch zu begründen sei, so stützt er sich „auf die eigene Erfahrung“. Die Modernisten sagen nämlich: Im religiösen Gefühl liege eine Art „Intuition des Herzens“. Hiermit könnte man unmittelbar die Realität Gottes selbst erfassen. Dies reiche aus, um dadurch zu einer Überzeugung von Gottes Dasein und seinem Wirken innerhalb und außerhalb des Menschen zu gelangen, wie sie keine Wissenschaft geben könne. Diese Erfahrung sei aber abhängig von der richtigen moralischen Verfassung. Erst der, der diese Erfahrung erlebt hat, wird im eigentlichen und wahren Sinn zum Gläubigen.

Das heißt übersetzt: der Glaube ist kein Geschenk der Gnade Gottes, sondern der Mensch erwirbt ihn – gut pelagianisch – duch ein moralisch gutes Leben, wodurch er „Gott“ selbst erfahren kann, also Selbsterlösung par excellence.

Daraus ergibt sich, dass nach dieser modernistischen Lehre, verbunden mit dem Symbolismus, jede so entstandene Religion als wahr anzuerkennen ist. Irrtümer kann es eigentlich nicht geben, denn alle Religionen beruhen auf dem religiösen Gefühl und mehr oder weniger klugen Vernunftschlüssen und Verstandesformeln. Für ihren Wahrheitsgehalt ist es völlig ausreichend, wenn die „Verstandesformel dem religiösen Gefühl und dem gläubigen Menschen zusagt.“4 Hier ist die Wurzel des gegenwärtig überall zu erlebenden und angestrebten Synkretismus, der Gleichmacherei und Vermischung aller Religionen.

Angewandt auf die Bedeutung der Tradition der katholischen Kirche, heißt das: diese sei eine Art Mitteilung der ursprünglichen Erfahrung durch die Predigt, vermittelt durch Formeln, die der Verstand entwickelt habe. Bewirkt sie bei den Zuhörern eine Wieder- oder Neubelebung ihres religiösen Gefühls, so beweist sie dadurch ihre Lebendigkeit, was den Modernisten als Beweis der Wahrheit gilt. Wenn nicht, dann ist sie logischerweise unwahr und muß zwecks Anpassung an das Gefühl geändert werden. Dass dies für sämtliche Religionen zutreffen kann, liegt auf der Hand.

 

Verhältnis Glaube-Wissenschaft

Auf der Basis dieses philosophischen Ansatzes entfällt nun jeder Widerspruch zwischen Glaube und Wissenschaft. Da die (Natur-)Wissenschaft sich nur mit den Erscheinungsformen der materiellen Welt beschäftigt, kommt Gott und alles, was ihn betrifft, dort nicht vor. Einen Widerspruch kann es also nicht geben. Alles aber, was ihn betrifft, vor allem aber auch, was Natur, Leben und Taten Jesu angeht, die geschichtlich dem Diesseitigen zugehören, werden aufgrund der obigen agnostischen Gedankenansätze davon getrennt und nur dem „Glauben“ zugeordnet. So ist es den Modernisten als geschickten Dialektikern (s. Hegel!) möglich, wenn sie aus ihrer Position als Agnostiker reden, Gott und die Gottheit Jesu und die Wunder seines Lebens zu leugnen. Gleichzeitig aber haben sie kein Problem, weil sie sich auf die obige Art als „Glaubende“ verstehen, dieses alles als tatsächlich wahr zu behaupten. Der Papst sagt: „Wenn der Philosoph zu Philosophen spricht, sagt er nein, weil er Christus nur nach der historischen Realität (so wie er sie versteht; d.V.) betrachtet. Der Gläubige im Umgang mit den Gläubigen sagt ja“5, der katholische Glaube ist wahr. Dass nicht beides wahr sein kann, ist logisch.

 

Aufschlussreich und leider fortdauernd gültig ist die Charakteristik der Tätigkeit der Modernisten durch den heiligen Papst: „Manche Ausführungen in ihren Büchern könnte ein Katholik vollständig unterschreiben. Wenn man jedoch das Blatt wendet, könnte man meinen, ein Rationalist führe die Feder. Schreiben sie Geschichte, ist von der Gottheit Christi nicht die Rede. Steigen sie jedoch auf die Kanzel, dann bekennen sie dieselbe ohne Bedenken. Schreiben sie Geschichte, dann gelten für sie die Konzilien und Väter gar nichts. Dahingegen werden in der Katechese beide wieder mit Ehrfurcht zitiert.“ Die Modernisten sagen: „Wir haben einen Weg gefunden, die Autorität der Konzilien zu vernichten, ihren Verhandlungen frei zu widersprechen, ihre Dekrete zu beurteilen und zuversichtlich alles auszusprechen, was wahr scheint, mag es auch von irgendeinem Konzil gebilligt oder mißbilligt worden sein. Ihre Verachtung gegen katholische Verordnungen, gegen die heiligen Väter, die ökumenischen Konzilien und das kirchliche Lehramt tragen sie offen zur Schau. Stellt man sie zur Rede, dann nimmt man ihnen die Freiheit. … Sie behaupten, die Kirche würde sich hartnäckig weigern, ihre Dogmen den Ansichten der Philosophie zu unterwerfen und anzupassen. Nachdem sie mit der alten Theologie aufgeräumt haben, machen sie sich ans Werk, eine neue einzuführen, die ihren philosophischen Träumereien zu willen ist.“6

 

Die Theologie der Modernisten

Wie schon dargestellt, ist die zuvor beschriebene falsche Philosophie Grundlage der modernistischen Theologie. Grundlegend sind hierfür die bereits erwähnten Begriffe Immanenz und Symbolismus.

Wie sich aus dem Zusammenspiel dieser beiden Begriffe eine Theologie konstruieren lässt, zeigt der Papst wie folgt:

„Der Philosoph sagt ihm (dem Modernisten; d.V): Das Prinzip des Glaubens ist immanent (ist also Bewußtsein und Gefühl des Menschen; d.V.). Der Gläubige fügt hinzu: Dieses Prinzip ist Gott. Der Theologe (als Zusammenfassung beider; d.V.) schließt mit der Folgerung: Also ist Gott im Menschen immanent. Daher die theologische Immanenz. Ferner steht für den Philosophen fest, daß die Vorstellung des Glaubensobjektes (also Gottes; d.V) nur symbolisch ist. In der gleichen Weise steht für den Gläubigen fest, daß das Glaubensobjekt Gott ist, wie er in sich ist. Daraus folgert der Theologe: Die Vorstellungen von der Realität Gottes sind symbolisch. Daher der theologische Symbolismus.“ Daher ist alles, was den Inhalt des Glaubens aussagt, also die „ satzhaften Formeln“, symbolisch zu verstehen, ein Hilfsmittel, das dem Gläubigen helfen soll, „zur absoluten Wahrheit zu gelangen“. Diese ist also noch nicht bekannt, sondern muß erst noch gefunden werden. - Dabei müssen die Modernisten allerdings Rücksicht nehmen auf die Akzeptanz der Dogmen durch die Allgemeinheit. Deshalb müssen sie den nötigen Respekt vor diesen Formeln wahren, weil sie für das allgemeine religiöse Bewußtsein als geeigneter Ausdruck akzeptiert sind, so lange wenigstens, bis die Lehramtsautorität etwas anderes bestimmt

Wie die Modernisten sich die Immanenz genau vorstellen, ist schwer zu beschreiben. Einige suchen sie darin, dass Gott mit seinem Wirken dem Menschen innerlich nahe ist, näher als der Mensch sich selbst. Katholisch richtig verstanden, ist daran natürlich nichts auszusetzen. Andere finden die Immanenz Gottes darin, dass sich Gottes Wirken mit dem Wirken der Natur vereinigt. Dadurch wäre aber jede übernatürliche Ordnung vollständig aufgehoben. Wieder andere erklären sie auf eine Weise, die man nur noch als pantheistische Auffassung bezeichnen kann.7

 

Göttliche Permanenz

Ergänzend tritt zur Immanenz, wie zuvor schon erwähnt, der Gedanke der göttlichen Permanenz. Das Verhältnis beider ist vergleichbar dem zwischen eigener Erfahrung und weitergegebener, überlieferter Erfahrung.

Angewendet auf die Kirche und ihre Sakramente bedeutet das: Zu denken, dass die Kirche und ihre Sakramente von Christus selbst herrühren, verbietet der modernistische Agnostizimus. „Dieser sieht in Christus nur den Menschen, dessen religiöses Bewußtsein sich wie bei den übrigen Menschen erst allmählich gebildet hat.“ Ebenso steht dagegen die Immanenz des religiösen Bewußtseins mit der dafür notwendigen Entwicklung, für die es Zeit und auslösende Bedingungen braucht, sowie die Geschichte, die auf diese Leit-Prinzipien hin untersucht und ausgelegt wird.

Aber trotzdem und im Widerspruch zu ihren gedanklichen Ansätzen können die Modernisten an der „unmittelbaren Stiftung der Kirche und der Sakramente durch Christus festhalten“, weil sie Folgendes behaupten: Christi Bewußtsein (seiner Gottheit?) habe sich erst aus einem Keim entwickelt. Vergleichbar soll das christliche Gesamtbewußtsein bereits im Bewußtsein Christi enthalten gewesen sein wie die Pflanze im Samen. „Wie nun die Keime das Leben des Samens ausleben, so hat man sich auch das Leben der gesamten Christenheit als ein Ausleben des Lebens Christi zu denken. Nach dem Glauben ist das Leben Christi göttlich, somit auch das Leben der Christenheit. Wenn dieses Leben daher im Laufe der Zeiten die Kirche und ihre Sakramente entstehen ließ, so kann man mit vollem Recht ihren Ursprung Christus zuschreiben und ihn göttlich nennen. Auf dieselbe Weise sind ihnen auch die Heilige Schrift und die Dogmen göttlich. Damit ist die modernistische Theologie so ziemlich erschöpft. Ein sehr dürftiger Hausrat...“8

 

Modernismus und Kirche

Diese modernistischen Voraussetzungen haben aber grundlegende Auswirkungen auf deren Vorstellungen von der Kirche, vom Dogma, dem religiösen Kult/Liturgie in allen Formen und den heiligen Schriften. Wie schon dargelegt, entsteht das Dogma angeblich zunächst aus der gedanklichen Klärung des religiösen Gefühls und seiner Festlegung in Formeln. Das bedeutet aber nicht, dass damit endgültig irgendetwas dauerhaft feststeht, vielmehr muß das Dogma durch diese Gedankenarbeit den immer wieder wechselnden Umständen angepasst werden. Wird aus diesen „sekundäre Formeln“ genannten Sätzen am Ende ein organisch gefügtes Lehrgebäude, das dann vom katholischen Lehramt bestätigt wird, dann erst nennen die Modernisten dies ein „Dogma“.

Hiervon zu unterscheiden ist die Tätigkeit jener Theologen, die selbst an solchem Dogma keinen Anteil haben, aber dieses mit der naturwissenschaftlich verstandenen „Wissenschaft“ in Einklang bringen oder ein neues „Dogma“ obiger Art vorbereiten. Dies setzt jede Art von Beliebigkeit hinsichtlich Zahl und Inhalt von „Dogmen“ voraus.

Besonders wichtig ist die modernistische Anschauung vom religiösen Kult, also der Liturgie, und von ihrer Sakramentenlehre. Entgegen der Lehre der Kirche haben Sakramente in sich selbst für Modernisten keinerlei Wirkung; sie sind nur symbolische Zeichen, die religiöse Gefühle sinnlich umkleiden. Ihre Wirkung besteht nur darin, bestimmte religiöse Gefühle hervorzurufen. Dies nennt man dann „den Glauben nähren“. Dieser Gedanke, der aus der Reformation kommt, wurde bereits vom Konzil von Trient als falsch verurteilt.9 Er ist aber heute gängig in vielen Bereichen der Sakramentenkatechese und in der Symbolkatechese (H. Halbfas) als Methode des Religionsunterrichtes.

Was die heiligen Schriften angeht, sagen die Modernisten, dass man sie sehr gut als eine Sammlung von außergewöhnlichen und besonderen Erfahrungen definieren könne. Es macht diese Erfahrungen zwar nicht jeder und alle Tage, aber sie kämen in allen Religionen vor. Historiker und Apokalyptiker mit ihren außermateriellen Erfahrungen können die Modernisten nur deshalb zu diesen Erfahrungen dazurechnen, weil dieser „Gott des Gefühls und des Bewußtseins“ in seiner Immanenz durch die Gläubigen redet, und darüber hinaus - durch die weitergereichte Erfahrung - in seiner göttlichen Permanenz, nicht aber als die der Schöpfung gegenüberstehende transzendente Person. Die Inspiration der Schrift deuten sie als einen besonders starken Drang eines Gläubigen, seine Erfahrungen, jetzt „Glauben“ genannt, in Wort und Schrift auszusprechen, vergleichbar dem Schaffensdrang von Künstlern. Damit bleiben die heiligen Schriften letztlich vollständig Menschenwerk, von der Inspiration im katholischen Sinn bleibt nichts übrig.

 

Modernismus und Kirche

Besonders aufschlussreich sind die Vorstellungen der Modernisten über die Kirche, ihre Entstehung und ihre Bedeutung, und auch hier befinden wir uns komplett „im Hier und Jetzt“.

Die Entstehung der Kirche führen sie zurück auf einen doppelten Drang. Zuerst auf einen Drang, der sich angeblich in jedem Gläubigen regt, wenn er eine ursprüngliche und besondere Erfahrung gemacht hat, weil er sie unbedingt anderen gern mitteilen möchte. Wenn dieser Mensch dann diesen Glauben allgemein verbreitet hat, regt sich plötzlich auch bei allen anderen, die dies glauben, das „Bedürfnis nach Kollektivität“. Dies führt dann zur Bildung einer Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe macht, dieses Gemeinsame zu schützen, zu vermehren und zu verbreiten.

So kann man sagen: Die Kirche ist also die Frucht des Kollektivbewußtseins oder der Verbindung des Bewußtseins der einzelnen, also der vitalen Immanenz Gottes, die durch die vitale Permanenz Gottes auf einen ersten Glaubenden zurückgeht. Im Klartext: Einer hat etwas erfahren, andere davon überzeugt, und man hat daraufhin das Bedürfnis, einen Verein zu gründen.

Für den Katholiken ist dieser erste natürlich Christus. Ferner benötigt jede Gemeinschaft eine Leitung durch eine Autorität, die die verbindenden Momente sorgsam pflegt, also einen Vereinsvorstand. Bei einer religiösen Vereinigung sind das die Lehre und der Kult. Damit ist die überlieferte Geschichte der Kirche, dass nämlich sie selbst und ihre Autorität von außen und von Gott selbst stammt, außer Kraft gesetzt. Die Kirche und ihre Autorität entspringen bei den Modernisten dem allgemeinen religiösen Bewußtsein, dem sie sich unterzuordnen haben, sonst wird die gesamte Konstruktion angeblich zur Tyrannei. Diesem Ansatz entsprechend muß sich die Kirche wandeln mit Hilfe demokratischer Strukturen und Verhaltensweisen, da sie sonst angeblich untergeht, weil anderes dem Freiheitswillen der Menschen nicht entspräche.10

Wie gegenwärtig und „modern“ diese Gedanken sind, muß ebenfalls nicht eigens dargelegt werden.

 

Kirche und Staat im Modernismus

So wie durch die dem Modernismus zugrunde liegende agnostische Philosophie Glauben und Wissenschaft getrennt werden, so als Folge des zuvor beschriebenen Ansatzes nun auch Kirche und Staat . Während es aber im ersten Fall um Glauben und Wissen ging, geht es jetzt um den Zweck von Staat und Kirche. Die Modernisten sagen, hierbei verfolge die Kirche einen geistlichen, der Staat einen weltlichen Zweck. Da jeder Katholik auch Staatsbürger ist, wird ihm von den Modernisten abverlangt, dass er vorrangig das Weltliche des Staates vertritt und fördert, ohne dabei auf kirchliche Moralvorschriften und Mahnungen Rücksicht zu nehmen. Moralische Forderungen der Kirche werden als „Missbrauch kirchlicher Gewalt“ angeprangert und von den Gläubigen wird verlangt, dass sie sich der Kirche „mit aller Entschiedenheit widersetzen, wenn sie dem Bürger unter irgendeinem Vorwand sein Verhalten vorschreiben will.“ Beide Anschauungen sind bereits von Papst Pius IX, dem Vorgänger des heiligen Papstes Pius X., 1864 klar verworfen und verurteilt worden.11 Wie gegenwärtig diese Fragestellung ist, sieht man an der Diskussion um PID, Abtreibung, Euthanasie usw., und wie sehr sich politische Vertreter an dieser Maxime „erst die staatlichen Forderungen, dann die Moral“ orientieren ist auch täglich zu beobachten.

 

Auswirkungen

Aus diesen Anschauungen ergibt sich die Unterwerfung des Glaubens unter die Wissenschaft und die der Kirche unter den Staat. Dies bezieht sich als erstes auf die Disziplinargewalt der Kirche, zum anderen aber auch auf ihre dogmatische und Lehrgewalt mit besonders gravierenden Auswirkungen. Hierzu sagen die Modernisten: „Eine religiöse Gemeinschaft kann unmöglich zu einer rechten Einheit gelangen, wenn das Bewußtsein der Mitglieder und die dazu angewendete Formel nicht einheitlich sind.“ Hieraus leitet man ab, dass beides durch eine Autorität in Übereinstimmung gebracht werden muß. Das kirchliche Lehramt sei die Vereinigung, die die passende Formel finden müsse. Es allein habe die Macht, diese vorzuschreiben. Beides zusammen bezeichnen die Modernisten als das Wesen des kirchlichen Lehramtes. Das Lehramt wächst demnach letztlich aus dem Bewußtsein eines jeden einzelnen. „Darum ist es notwendigerweise vom Bewußtsein der einzelnen abhängig und auf gemeinverständliche Formeln angewiesen. Es wäre also ein reiner Mißbrauch der anvertrauten Gewalt … wenn das Bewußtsein der einzelnen daran gehindert werden sollte … das Dogma den notwendigen Entwicklungen entgegenzuführen.“12

Das bedeutet, dass das Lehramt alles entsprechend „dem allgemeinen Bewußtsein“ zu ändern und sich diesem anzupassen hat. Die Einheit der Kirche wird nicht durch den Heiligen Geist im gemeinsamen wahren Glauben bewirkt. Es gilt weder die Wahrheit Gottes, noch gelten Gottes Gebote, alles ist relativ und damit frei verfügbar.

 

Entwicklung als Prinzip und Ursprung aller Religionen

Der Modernismus hat als allgemeinen Grundsatz: „In einer Religion, die lebt, ist alles veränderlich – darum muß es sich ändern.“ So wird die Entwicklung, der Evolutionismus, zur Quintessenz ihrer gesamten Lehre. „Dogma, Kirche, religiöser Kult, alle Bücher, die wir als heilige verehren, sogar der Glaube selbst, müssen – wenn wir sie nicht alle für abgestorben erklären wollen – unter den Gesetzen der Entwicklung stehen.“ Dieser Ansatz ist der Kernpunkt des gesamten modernistischen Gedankengebäudes. Für den Glauben gilt demnach, dass „die Urform des Glaubens ... roh (war) und bei allen Menschen gleich, da er aus der Natur und dem Leben des Menschen selbst hervorging.“13 Das „religiöse Gefühl“ sei dann immer mehr „zum Bewußtsein durchgedrungen“ und habe sich durch Äußeres wie Familie und Stamm und durch die stetig steigende intellektuelle und moralische Kultur des Menschen zu einem vollen und klareren Gottesbegriff und dem entsprechenden reineren Gefühl entwickelt.14 Außerdem habe es einige außerordentliche Männer gegeben, „Propheten genannt“, die diese Entwicklung befördert hätten. Christus sei der Größte von ihnen gewesen. Warum gerade er, dafür fehlt jede Begründung. Diese Propheten hätten etwas Mysteriöses, Ungewöhnliches und Besonderes an sich gehabt und über „besondere Erfahrungen“ verfügt, „die dem besonderen religiösen Bedürfnis ihrer Zeit entsprachen.“

Für die Weiterentwicklung des Dogmas gelte, dies geschehe dann, wenn es „Glaubensschwierigkeiten zu überwinden“ gelte, „Feinde zu besiegen und Widersprüche abzuweisen. Dazu komme noch ein beständiger Trieb, den Inhalt der Glaubensgeheimnisse tiefer zu durchdringen.“ So sei es mit Christus geschehen. „Was der Glaube an Ihm als Göttliches wahrnahm, ist langsam und allmählich so gewachsen, daß man Ihn schließlich für Gott hielt.“15

Gesteuert wird diese Entwicklung von zwei sich widerstreitenden Prinzipien, dem Fortschritt und dem Konservatismus. Besonders letzterer sei durch die Tradition in der Kirche stark vertreten und fuße auf der religiösen Autorität, also der Hierarchie, dem Lehramt. Der Fortschritt dagegen verbinde sich mit den im Gegensatz dazu „im Leben stehenden Laien“. Diese bewirkten „Fortschritt und Veränderung“ im „Kollektivbewußtsein“ und zwängen die Autorität, „Kompromisse zu schließen“.

Natürlich fehlte es nicht an Versuchen der innerkirchlich Verantwortlichen, diesen Anschauungen zu wehren, aber im Prinzip ohne durchgreifende Ergebnisse. Der Papst beschreibt die Haltung der Modernisten, die Erfolg verhindert. Denn erlebten die Modernisten für ihre Anschauungen Tadel und Strafe, so ertrugen sie sie, jedoch ohne Einsicht, aber auch ohne Auflehnung - was heute nicht mehr zutrifft - denn sie sind von dem, was sie lehren, überzeugt und rechnen damit, dass ihre Anschauungen auf die Dauer von allen angenommen werden, denn die „Gesetze der Entwicklung“ seien nicht aufzuhalten. Der Papst sagt: „Eine gekünstelte Ergebenheit muß ihre unglaubliche Verwegenheit decken. Sie beugen sich zwar dem Schein nach, Hand und Herz sind jedoch um so entschlossener bei dem begonnenen Werk.“ Sie glauben, „daß die Autorität zwar aufgerüttelt, jedoch nicht vernichtet werden muß. Auf der anderen Seite sind sie der Ansicht, ihr Platz wäre innerhalb der Kirche und würde dort auch bleiben, um allmählich das allgemeine Bewußtsein umzustimmen. … Nach Ansicht der Modernisten und dank ihrer Tätigkeit darf es also … nichts Unveränderliches in der Kirche geben.“ Heute lautet die Antwort der verschiedensten Modernisten: Wir lassen uns unser Katholischsein nicht absprechen.

Alle diese modernistischen Lehren sind bereits von Pius IX. in seinem Syllabus verurteilt worden.16 Das I. Vatikanum 1870-71 sagt hierzu: „Die Glaubenslehre, wie sie Gott geoffenbart hat, ist nicht dem menschlichen Geist als eine Erfindung der Philosophie übergeben, die der Mensch mit seinem Verstand weiter ausbilden soll, sondern als göttlicher Schatz der Braut Christi anvertraut, zur treuen Bewahrung und unfehlbaren Erklärung. Deshalb ist auch für die heiligen Dogmen immer der Sinn festzuhalten, den die heilige Mutter, die Kirche, einmal erklärt hat. Niemals darf man unter dem Schein und dem Vorwand eines tieferen Verständnisses davon abweichen.“17

 

Die Modernisten als Historiker, Kritiker, Reformatoren und Apologeten

Auch die Betrachtung der Geschichte folgt für die Modernisten aus ihrem philosophischen Gedankenansatz. Da sie Agnostiker sind, sind Welt und Gott, wie schon gesagt, zwei völlig verschiedene Bereiche. Göttliches oder ein Eingreifen Gottes in die Welt kann es demnach für sie nicht geben. Letzteres gehöre in den Bereich des „Glaubens“. Wenn sich beides trifft wie in der Person Jesu, entkleidet man Person oder Sache von allem Übernatürlichen und läßt nur das rein Menschliche übrig. So entsteht z.B. die Fiktion von einem Christus der Geschichte und einem Christus des Glaubens. Ebenso ergeht es der Kirche, den Sakramenten usw., die ebenfalls in dieser doppelten Funktion gesehen werden. Weiter wird alles, wie schon angedeutet, aus der historischen Überlieferung ausgeschieden, was über unsere Alltagserfahrung und die uns bekannten Umstände des Lebens und der jeweiligen historischen Zeit hinausgeht, dazu alles, wovon man meint, dass es die Zuhörer nicht hätten verstehen können oder was nach der Meinung der Exegeten nicht logisch zu sein scheint. Der Papst: „Man versucht, sich in die Rolle Christi selbst hineinzudenken und sie gleichsam durchzuspielen. Was man selbst unter den gleichen Umständen getan hätte, überträgt man ohne Ausnahme auf Christus. Schließlich behaupten sie (die Modernisten; d.V.)… in ihrer sogenannten wirklichen Geschichte, daß Christus nicht Gott ist und auch durchaus nichts Göttliches getan hat. Als Mensch hat er jedoch das getan und gesagt, was sie ihm zu tun und zu sagen erlauben, wenn sie sich in seine Zeiten zurückversetzen.“18

Dieser geschichtsphilosophische Ansatz wird nun zur Grundlage der Beurteilung der Zuverlässigkeit von AT und NT als historischer Quellen. Alles also, was auch nur den Schein des Außergewöhnlichen trägt, wird entsprechend zum Produkt des Glaubens-Bewußtseins erklärt, ebenso alles, was unserer gewöhnlichen Alltagserfahrung und unseren derzeitigen Kenntnissen der historischen Hintergründe nicht entspricht. Der Rest allein wird als „geschichtlich“ anerkannt und als sog. „wirkliche“ Geschichte der „Geschichte des Glaubens“ gegenübergestellt.19 Daher gibt es „einen doppelten Christus – einen wirklichen und einen anderen, der in Wirklichkeit nie existiert hat, sondern dem Glauben angehört. Der eine hat an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit gelebt. Der andere ist nur in den frommen Erwägungen des Glaubens zu finden. Ein solcher ist zum Beispiel Christus, der im Evangelium nach Johannes dargestellt wird. Dieses Evangelium ist nach ihrer Ansicht nichts weiter, als eine fromme Betrachtung.“20 - was dann erklärt, warum Johannes im Gegensatz zu den Synoptikern bei den Exegeten unbeliebt ist und praktisch nicht vorkommt.

 

Ferner sei jedes Dogma aus einem Bedürfnis einer bestimmten Zeit entstanden. Entsprechend wird die Geschichte nach solchen Bedürfnissen untersucht und eingeteilt, wobei noch zwischen Ursprung und Entwicklung dieses Bedürfnisses unterschieden wird. Die Zuordnung ist also nicht die nach den überlieferten Fakten, sondern nach einer zuvor festgelegten zeitlichen und „bedürfnisgerechten“. Folge. „Hierauf kommt der Philosoph von neuem an die Reihe. Er (der Modernist; d.V.) trägt dem Historiker auf, seine Studien so einzurichten, wie es die (selbst erfundenen; d.V.) Vorschriften und Gesetze der Entwicklung verlangen. Der Historiker macht sich also nochmals an die Untersuchung der Quellen. Mit Sorgfalt durchforscht er alle Umstände und Verhältnisse, in denen sich die Kirche in den verschiedenen Zeiten befunden hat, sowie die Wirkung ihres Konservatismus, die inneren und äußeren Bedürfnisse, die zum Fortschritt drängen, die Hindernisse, die sich entgegenstellen – mit einem Wort, er durchforscht alles, was in irgendeiner Weise dazu beitragen könnte, um festzustellen, wie sich die Gesetze der Entwicklung bewährt haben. Jetzt endlich entwirft er sozusagen die äußeren Umrisse der Entwicklungsgeschichte. … Nun geht es an die Redaktion und bald ist die Geschichte fertig. … Alles wird a priori entschieden … Wenn sie aber dann der Kirche vorwerfen, sie würde die Quellen durcheinander werfen und so herrichten, daß sie ihr dienlich sind, fordern sie doch den Unwillen heraus. Dadurch dichten sie der Kirche an, was ihnen ihr Gewissen selbst laut vorwirft.“21

 

Aus dieser Art, die tatsächlich überlieferte Geschichte auf das Prokrustes-Bett der zuvor festgelegten philosophischen Bedingungen zu spannen, ergeben sich schwerwiegende Konsequenzen. Grundsätzlich schließen die Modernisten daraus, dass die in der Geschichte überlieferten Verfassernamen der heiligen Texte nicht stimmen können, weil sie mit dem Geschichtsschema der Modernisten eben nicht zusammenpassen. Ferner behaupten sie, dass sich alle Schriften der Bibel aus ganz kleinen Anfängen entwickelt hätten bis zu den umfangreichen Formen, die uns heute vorliegen. Dies alles soll auf der Grundlage des modernistisch verstandenen „Glaubens“ geschehen sein, also des individuellen religiösen Bewußtseins, und diesem zeitlich folgend. Entsprechend schreibt man dann die Geschichte der heiligen Schriften um und neu, und dies mit einer Scheinsicherheit, als ob man selbst dabei gewesen wäre und alles besser wüsste als die Zeitgenossen. Um die so gewonnenen Ergebnisse abzusichern, erfindet man eine entsprechende „Textkritik“, mit deren Hilfe man „nachweist“, dass Reihenfolge und Inhalte der überlieferten Texte entweder falsch sind oder anders geordnet und verstanden werden müssten. Das alles geschieht mit einer derartigen Arroganz und Selbstsicherheit, dass man meinen könnte, wie der Papst sagt, die Modernisten seien die ersten Gelehrten, die die Bibel erforscht hätten und sie richtig verstünden. Sie vergessen dabei, sagt er, dass die heiligen Schriften von jeher Gegenstand der Forschung besonders auch heiliger Gelehrter und Kirchenlehrer gewesen sind, die sich niemals über sie erhoben oder etwas an ihnen zu tadeln hatten, sondern durch ihre Studien sie umso höher schätzten als Rede und Offenbarung Gottes an die Menschen.22

 

Faßt man die Einschätzung des Papstes zusammen, so ergibt sich für diese Art der Exegese: sie ist agnostisch, immanentistisch und evolutionistisch. Sie entspringt willkürlich gesetzten philosophischen Vorgaben, widerspricht damit bereits im Ansatz der geoffenbarten katholischen Lehre und ist daher mit ihr nicht kompatibel. Zum besseren Verständnis der Lehre der Kirche trägt sie nicht nur nichts bei, sondern ist voller Irrtümer.

Obwohl dies so ist und jeder das erkennen könnte, wenn er sich von den zugrunde liegenden philosophischen Vorurteilen befreien würde, findet diese Richtung bei den Katholiken großen Anklang und steht in großem Ansehen, sagt der Papst. Die Gründe dafür beschreibt der Papst wie folgt: „Zunächst finden wir die innige Verbindung, in der die Historiker und Kritiker dieser Art über alle Schranken der Nationalität und Religion hinweg miteinander stehen. Dann finden wir die Aufdringlichkeit, mit der sie einstimmig alle als einen Fortschritt der Wissenschaft ausposaunen, was irgendeiner von ihnen an die Öffentlichkeit bringt. Kritisiert einer alleine eine derartig ungeheuerliche Neuerung, dann sieht er sich einer geschlossenen Schar gegenüber. Leugnet er sie, dann ist er ein Ignorant. Nimmt er sie an und tritt dafür ein, kann er sich ihrer Anerkennung sicher sein. Viele werden getäuscht, die sich bei genauerem Hinsehen entsetzt abwenden würden. Die übermächtige Vorherrschaft des Irrtums und der vorschnelle Beifall oberflächlicher Geister haben jedoch sozusagen eine verdorbene Atmosphäre geschaffen, die überall eindringt und die Seuche verbreitet.“

 

Verhältnis zu den anderen Religionen

Aus diesen Gedankenansätzen der Modernisten ergeben sich neue Beziehungen zur Tatsache, dass es überhaupt Religion beim Menschen gibt, und zu den anderen Religionen.

Zunächst verlangt der Modernismus, dass Streitfragen zwischen Religionen nicht mehr aufgrund des Vergleichs ihrer Lehren und Schriften gelöst werden, sondern mit Hilfe historischer und psychologischer Untersuchungen, die sich aber an den von den Modernisten vorgegeben Regeln orientieren. Das bedeutet: nicht die faktischen Inhalte der Religionen und deren Geschichte dienen als Beleg, sondern die nach dem obigen Muster „zubereitete“ Geschichte, nur die sei „wahr“. Diese Denkweise ist auch die der Rationalisten, die denn auch diese Argumentation anerkennen.

Will man nun seitens der Modernisten einen „Ungläubigen“ auf dieser Grundlage zum Glauben bringen, so geht dies nur über die sog. „Erfahrung“, wie die Modernisten sie verstehen. Hierzu kennen sie einen objektiven und einen subjektiven Weg. Der objektive versucht auf der Grundlage des Agnostizimus zu zeigen, dass in der katholischen Religion eine „vitale Kraft“ liege, die es ihr ermöglicht hat, aus dem „Keim“, der in Jesus Christus angeblich angelegt war, im Laufe der Geschichte durch Entfaltung und äußere Umstände das zu schaffen, was heute Kirche ist. Konkret sieht das so aus: „Christus verkündete die Ankunft des Gottesreiches, welches in naher Zukunft errichtet werden sollte, worüber er sich allerdings täuschte. Sich selbst verkündete er als dessen künftigen Messias, also als gottgesandten Stifter und Organisator. Hierauf muß dem Adepten gezeigt werden, wie sich dieser Keim allmählich, stets immanent und permanent in der katholischen Religion, in der Geschichte entwickelt und den jeweiligen Umständen angepaßt hat. Dies geschah dadurch, daß der Keim sich aus der Geschichte alle doktrinären, kultischen und kirchlichen Formen, die ihm dienen konnten, vital aneignete und daneben alle Hindernisse, die sich in den Weg stellten, überwand, die Gegner niederwarf und alle Verfolgungen und Kämpfe überdauerte. Und weil dies alles als Erklärung eben doch nicht ausreicht, nimmt man willkürlich noch etwas irgendwie Numinoses, „Unbekanntes“ hinzu,23 was man aber nicht näher erläutert.

Aber damit nicht genug: seitens dieser Modernisten behauptet man Irrtümer und Widersprüche im Dogma und insgesamt in den heiligen Schriften, und zwar historische und wissenschaftliche. Dies stört die Modernisten aber nicht, sondern freut sie sogar, denn es handle sich in diesen Schriften ausschließlich um „Religion und Moral“. Der Inhalt der Schriften diene zwecks besserer Vermittlung an das Volk nur zu deren Hülle. Zudem hätten diese religiösen Schriften aus ungenannten Gründen ihr „Leben in sich“, und weil alles Leben wahr sei, seien auch diese Schriften wahr. Denn alles, was sich lebendig entwickelt, sei „wahr und recht“. - Der Papst schlußfolgert: „Für Uns würde das nichts anderes bedeuten, als Gott selbst aus Rücksicht auf Interesse und Nutzen lügen zu lassen. Dann müßten Wir mit Augustinus sagen: Läßt man einmal bei dieser höchsten Autorität eine kleine politische Lüge zu, dann wird von diesen Büchern kein Stück mehr bleiben, das man nicht, wenn es dem einen oder anderen schwer zu beobachten und schwer zu glauben scheint, nach derselben schlimmen Regel mit einer Absicht oder Rücksicht des trügerischen Verfassers erklären könnte. Dann muß es soweit kommen, wie der heilige Lehrer sagt: jeder wird von ihnen (den heiligen Schriften) glauben, was er will, und nicht glauben, was er nicht will.“ -

wie man an bestimmten Vertretern heutiger Theologie mehr als deutlich sehen kann.

 

Weissagungen lassen die Modernisten als argumentative Grundlage nicht gelten. Aufgrund ihres agnostischen Weltbildes kann es sie nicht geben. Auch Jesus selbst habe sich geirrt, z.B. hinsichtlich der Ankunftszeit des Gottesreiches. Aber dies alles stünde unter den „Gesetzen des Lebens“, die ließen solche Widersprüche zu. Dies alles sei auch nicht gegen die „symbolische Wahrheit“ der Lehre der Kirche, der auch die Dogmen zugehörten, weil sie in sich „unendlich viele Wahrheiten“ hätten. Diese nennen die Modernisten das „Unendliche“, das nicht besser geehrt werden könnte als Widersprüchliches von ihm auszusagen. 24 Damit ist jeder Wahrheitsanspruch endgültig aufgegeben und die Lüge/Täuschung zum Prinzip erhoben.

 

Um einen Menschen durch „subjektive Beweise“ zum Glauben zu bringen, greifen die Modernisten dann auf die Immanenz zurück. Sie behaupten, „daß in ihm selbst, den tiefsten Tiefen seiner Natur … das Bedürfnis nach einer Art Religion verborgen liegt“, und sofern die Modernisten sich als katholisch ausgeben wollen, behaupten sie, dass dies auch nur die katholische Religion sein könne, weil sie angeblich von einer „vollkommenen Entwicklung des Lebens gefordert“ würde, sozusagen als Forderung der Natur. Radikalere Vertreter dieser Richtung behaupten jedoch, dass der Keim, der in Christus wirksam war, letztlich in jedem Menschen wirksam sei.

 

Zusammenfassung

Faßt man dies alles zusammen, so bleibt im Grunde kein Teil der katholischen Lehre und Kirche davon unberührt. Alles ist, wie der Papst sagt, von der „schrankenlosen und brennenden Neuerungssucht“ dieser Theologen betroffen. Als Konsequenz fordern diese sog. Theologen: den Ausschluß der scholastischen Philosophie thomistischer Natur aus den Priesterseminaren, also der Priester- und Theologenausbildung, und deren Ersatz durch zeitgeistige Philosophien, wie Karl Rahner das als Prinzip seiner Theologie in die Tat umgesetzt hat. Statt einer fundierten Dogmatik soll ihre modernistische „Dogmengeschichte“ gelehrt werden und eine Kirchengeschichte, die nach den von ihnen erstellten Regeln umgeschrieben ist. In der Katechese sollen nur die solcherart „modernisierten Dogmen“ behandelt werden, die man der „Fassungskraft des Volkes angepaßt“ hat, und in der Liturgie soll die Befolgung der äußeren Regeln eingeschränkt werden. Hinsichtlich Kirchendisziplin und Dogmatik hat man sich demokratischen Verhältnissen zu unterwerfen, einschließlich Mitspracherecht der Laien. Die zentrale Leitungsgewalt des Papstes soll dezentralisiert, die Haltung der Kirche in politischen und sozialen Fragen geändert, die Kirchenbehörden in ihren Aufgabenbereichen verändert werden. In die bürgerlichen Verhältnisse soll sich die Kirche nicht einmischen, sondern soll sie durch eigene Anpassung in allen Bereichen „zu durchdringen suchen“. Aktive gesellschaftliche Tätigkeiten von Priestern und Laien sind den geistlichen vorzuziehen. Der Klerus soll zwar „demütig und arm“ sein, aber den modernistischen Ideen folgen. „Es gibt sogar solche, die als gelehrige Schüler der Protestanten wünschen, den Zölibat des Priesters aufzuheben. In der Kirche bleibt nichts übrig, das nicht reformiert werden müßte, und zwar nach ihrem Rezept“25, dem der Modernisten, so der Papst.

 

Aus all dem ergibt sich, wie der Papst sagt, dass es sich beim Modernismus „nicht um vage und unzusammenhängende Ansichten handelt, sondern um ein einheitliches und geschlossenes System, bei dem sich aus einer einzelnen Annahme notwendigerweise alles weitere ergibt. … Überblickt man nun das ganze System, so werden wir es gewiß als Zusammenfassung aller Häresien bezeichnen dürfen. Hätte sich jemand zur Aufgabe gestellt, die Quintessenz aller Glaubensirrtümer, die es je gegeben hat, zusammenzutragen, so hätte er es nicht besser machen können, als es die Modernisten getan haben. Sie sind sogar weiter gegangen als alle und haben … nicht nur die katholische, sondern die gesamte Religion vollständig vernichtet.“26

 

Schlussgedanken:

Wie sehr und wie weit all das, was der Papst noch als Gefahr darstellt, heute bereits in der Kirche Alltag geworden ist, liegt auf der Hand. Inzwischen ist der Modernismus zum gängigen Gedankengut der an den Hochschulen gelehrten Theologie geworden und wird mehr oder weniger überall gelehrt. Er ist in die Bildungsarbeit der Kirche eingedrungen und wird inzwischen ergänzt durch andere -ismen wie den Feminismus. Wie dem neuesten Theologen-Memorandum zu entnehmen ist, verlangt man nicht nur wie seit Jahrzehnten schon wieder die Abschaffung des Zölibats und die Einführung des Frauenpriestertums gegen den Willen Christi und das Zeugnis der Urkirche, sondern auch eine direkte Abkehr von den Geboten Gottes durch Anerkennung von Unzucht und ehebrecherischen Verhältnissen und der Homosexualität. Dies sei ein Fortschritt zur Rettung der Kirche. Dass die Gottheit Jesu von bestimmten Theologen offen geleugnet wird, ebenso seine Auferstehung sowie sein Gericht und die Möglichkeit der ewigen Verdammnis, ist uns allen bekannt.

Die Wurzeln dieser Auflösung der kirchlichen Lehre mit allen ihren Folgen liegen hier im Modernismus: in der Sucht, auf der Höhe des Zeitgeistes sein zu wollen, sich angeblich nach dem religiösen Bewußtsein der Zeitgenossen richten zu müssen, im psychologischen Zwang, das Dogma und die Lehre der Kirche der Fassungskraft und den sündhaften Gewohnheiten der Gesellschaft anpassen zu sollen. Wie Bischof Graber in seiner Schrift „Athanasius“ sagt, sei die Situation heute vergleichbar mit der Zeit des Arius. Damals habe die Welt aufgeblickt, und sei arianisch gewesen, einschließlich der Bischöfe mit wenigen Ausnahmen. „Heute blickt die Welt auf, und sieh, sie ist modernistisch.“

Was bleibt? Der Widerstand und die Orientierung am Katechismus und dem Lehramt des Papstes.

 

 

1Pius X., Pascendi Dominici Gregis, zitiert nach: http://www.domus-ecclesiae.de/magisterium/pascendi-dominici-gregis. Die folgenden Ausführungen halten sich eng an Inhalt und Aufbau dieser Enzyklika, zum Teil bis in den Wortgebrauch. Fußnoten werden nur zu längeren wörtlichen Zitaten eingefügt.

2Ebd. S. 7

3Ebd. S. 9

4Ebd.

5Ebd. S. 11

6Ebd. S. 13

7Ebd. S.13f

8Vgl. und ebd. S.14f

9Vgl. u. ebd. S.15f

10Vgl. u. ebd. S. 16f

11Vgl. u. ebd. s. 18

12Vgl. u. ebd. S.18f

13Ebd. S. 19

14Vgl. S. 19f

15Vgl. S. 20

16Vgl. S. 21f

17Ebd. S. 22

18Vgl. u. ebd. S. 22 u. 23

19Vgl. ebd.

20Ebd. S. 24

21Ebd. S.25

22Vgl.ebd. S. 25f

23Vgl. ebd. S. 27

24Ebd. S. 28

25Ebd. S. 29f

26Ebd. S. 30

© 2011, Gertrud Dörner

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